Wir sind verführbar
Sprache und Bilder lenken uns von der Stille ab

Wolf Schneider

Man täuscht sich so leicht. Auch von denen, die uns vollmundig weismachen, uns davor bewahren zu können, so wie ich das jetzt gerade versuche, lassen wir uns täuschen. Immer ist das Medium dazu die Sprache. Nicht nur die Wortsprache, auch Bilder können das. Alles, was sinnlich wahrnehmbar ist, kann Symbolcharakter annehmen und ist damit geeignet für verführerische Suggestionen.

Suggestionen
Schon das Wort »Verführung« ist verführerisch. Es weckt Assoziationen an sexuelle Genüsse, verschärft noch durch den Hauch, dass es verboten sein könnte, was uns das angeboten wird – es ist ja nicht Führung, worauf wir uns dabei einlassen, sondern »Ver«führung. So leicht sind wir zu kriegen. Die Werbung nutzt das weidlich aus, in der Wirtschaft eben so wie in der Politik. Immer sind es Worte, Bilder, Klänge, bei einigen Produkten auch Düfte oder Empfindungen unserer Haut, wie der kräftige Händedruck des Kandidaten, die uns etwas suggerieren, was gar nicht da ist. Das Geräusch der Worte ist da, der Anblick, der Händedruck, das ist faktisch; das davon Suggerierte ist Fiktion.
Damit wird auch verständlich, warum die Meditierer unter uns – nein, eigentlich alle – die Stille so lieben. Objektiv still ist es ja nie. Auch in einem Samadhi-Tank hören wir noch das Blut im eigenen Ohr rauschen. Aber selbst auf den bewegendsten und turbulentesten Plätzen der Welt gibt es in uns diesen Ort der Stille und Unbewegtheit. Sowas wie die leere Leinwand unter all den Bildern, dem Flimmern der Filme, dem Getöse der Worte und dem Lärm, die das um uns tobende Leben ausmachen. In der Mitte ist es immer still.

Lob der Nabelschau
Ich meditiere gerne, aber mir gefällt auch das tobende Leben drumrum. Manchmal fragt mich jemand, ob es denn ethisch betrachtet okay ist, sich den Genuss der Meditation zu gönnen, während um uns herum Menschen leiden und sich bekriegen und unser Wirtschaftssystem dabei ist, in einer Art systemimmanentem Drang unsere natürliche Lebensgrundlage zu vernichten; wenn also um uns herum »die Welt untergeht«. Wie kannst du dabei ruhig sitzen und nichts tun?! Einfach die Augen schließen und dich in die innere Glückseligkeit versenken, ist das nicht ziemlich egoistisch?
Als in den 70er Jahren immer mehr Menschen sich östlichen Meditationen zuwandten, wurde diese Praxis als »Nabelschau« verspottet. Die Meditierer selbst empfanden sich auf dem Königsweg der Egotranszendenz alias Selbstüberwindung, die Spötter unterstellten ihnen währenddessen das Gegenteil: eine übertriebene Beschäftigung mit dem eigenen Glück, also Egoismus, und zudem Dickfelligkeit gegenüber dem Leiden in der Welt. Es gibt zwar auch in der Selbstbetrachtung Egoismus, den gibt es überall, aber wer sich wirklich auf die Innenschau einlässt, findet dort kein Ego. Das sogenannte Ego kehrt zwar als blinder Fleck in unserer Selbstwahrnehmung immer wieder, aber im Moment des Hinschauens, der Introspektion oder Selbstwahrnehmung, gibt es kein Ego.
Je öfter wir meditieren oder solche self enquiry betreiben, umso mehr weitet sich unser Blick für Empathie und eine vorurteilslose Betrachtung der Welt. Und es bleibt nicht beim Blick. Ihm folgt quasi »von selbst« ein empathisches, mitfühlendes Handeln, das in der Außenwelt nun weder Ruhmestaten erwerben will noch eigene Schatten bekämpft. Im Wissen um die Eingebundenheit, die Interconnectedness »von mir selbst« ist ein solches Handeln eigennützig und altruistisch zugleich.

»Selbsternannt« als Adelstitel
Trotzdem gibt es reichlich spöttische Begriffe über diejenigen, die sich auf den Weg zu solcher Innenschau und Empathie gemacht haben. Spinner, Weltflüchtlinge, Nabelbetrachter werden sie genannt, und wenn sie sich dann als irgendwas oder irgendwer präsentieren, sind sie ein »selbsternannter« Heiler, Guru, Therapeut oder was auch immer. Dass Buddha Shakyamuni, der meistgeehrte Weise aller Zeiten, ein selbsternannter »Buddha« (übersetzt »Erwachter«) ist, wen schert’s.
Nach dem, was ich von der Aufklärung des 18. Jahrhunderts, die doch die philosophische und politische Grundlage unserer modernen Gesellschaft sein soll, mitbekommen habe, müsste »selbsternannt« eigentlich ein Ehrentitel sein, reserviert für diejenigen, die die Ideale der Aufklärung verwirklicht haben. Die bei sich selbst angekommen und als solche »souverän« geworden sind. Während alle anderen es noch nötig haben, sich ernennen, autorisieren, bestätigen zu lassen, haben diese Menschen es geschafft, ganz aus sich heraus zu handeln, eben »souverän«. Nicht mehr der Monarch oder Autokrat ist der Souverän, sondern der einzelne Bürger selbst. Erst der zu sich gekommene, aus sich selbst heraus handelnde, nicht mehr verführbare Wähler und Bürger der Zivilgesellschaft ist Souverän (jetzt groß geschrieben, so wie damals der Monarch) und ist als solcher nun nicht mehr bloß Mitläufer von Trends und manipulierbares Wahlvieh. Erst ein solcher Bürger wäre die Grundlage einer echten Demokratie.

Spöttisch oder humorvoll?
Soweit das Ideal, die Utopie, vor der uns die Warner vor den »Selbstnannten« bewahren wollen. Hinieden in unserem Alltag sind wir jedoch noch verführ- und korrumpierbar, und unsere Sprache ist das wirkungsvollstes Mittel dabei. Von Worten lassen wir uns massenweise suggerieren, ein Virus, ein Land, eine Religion, eine Sekte oder die Drogen, die man nicht auf Rezept in der Apotheke bekommt, seien gefährlich. Sprachlich wird uns sogar weisgemacht, dass Streicheln oder Kuscheln, also unser menschliches Bedürfnis nach Berührung, etwas Lächerliches seien, in dem man von »Streicheleinheiten« spricht, die ersehnt oder verabreicht würden, so als bräuchten wir armen Abhängigen unsere tägliche Ration davon. Oder es sei »liebeshungrig«, wer an einem Tantra-Workshop teilnimmt. Humor ist das nicht.
Humor ist keine Flucht vor der Ernsthaftigkeit, sondern eher ein tiefes Eintauchen in die eigene Ernsthaftigkeit, so tief, bis sie überschnappt und man sich darin komisch findet – urkomisch im Sinne von ebenso nah am Lachen wie am Weinen. An dem Punkt, den auch Oshos Mystic Rose Meditation berührt, sie übt das Eintauchen darin sogar ein. Das befreit, nicht die Flucht vor der eigenen Ernsthaftigkeit in das Gewitzel über andere, mit denen man fremdelt.

Was man nicht sagen kann
Die Stille ist so attraktiv, weil uns dort keine Sprache mehr verführt. Verständlich, dass entzückte Meditierer dann manchmal nur noch vom »Sein« lallen oder singen, oder Sprüche klopfen von der Art wie »Es ist, was es ist«, »Das ist es«, »Sei einfach«. Das Wesentliche ist eben »unsäglich«. Auch wenn bei diesem Wort immer etwas in mir aufschreit: Wenn es denn wirklich unsäglich ist, dann sag’s halt nicht! Sprich von deinem großen Schmerz oder großen Glück, oder beschreibe es nicht nur als groß, sondern genauer – ja, das geht!
»Unsäglich« ist eine Kapitulationserklärung. Die lasse ich erst gelten, wenn sich wirklich nichts mehr sagen lässt. Und dann ist es besser, zu schweigen, so wie Wittgenstein es damals empfahl, in seiner Verzweiflung über die Grenzen von Sprache, 1921, drei Jahre nach dem Ende des »Großen Krieges«, am Ende seines ersten großen Hauptwerks: »Was sich überhaupt sagen lässt, das kann man klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.«
Recht hat er. Ich hör ja schon auf.