Tabugrenzen des Lachens

Sie beschützen und beschränken uns

Kulturen und Individuen charakterisieren sich durch ihre Humorgrenzen, die Grenzen dessen, worüber man lachen darf und worüber nicht. Wer will schon ausgelacht werden? Lachen tun wir sehr gerne – aber viel lieber nicht über uns selbst, sondern über »die anderen«. Deshalb ist der spirituelle Weg des Humors, der erlaubt über alles zu lachen, ein sehr radikaler

Worüber dürfen wir denn so vorbildlich lachen?

Wir brauchen Schutzgebiete, in denen wir nicht ausgelacht werden, weil gerade Schonzeit ist oder etwas sehr, sehr Heiliges im Spiel ist

Humor ist etwas, das ich sehr ernst nehme, vielleicht ernster als alles andere

Über dem Eingang von Auschwitz steht »Arbeit macht frei«. Ist das witzig?

Bei Licht betrachtet, sind eigentlich alle Menschen zum Lachen, wenn man dabei nur die richtige Perspektive einnimmt

Von Wolf Schneider

Lachen ist gesund, darüber sind wir uns ja einig. Worte, die emphatisch für die heilsamen Kräfte des Lachens werben, sind deshalb Predigten zu den Bekehrten. Auch, dass Humor wichtig ist und gut, ist inzwischen gegessen; es immer wieder zu hören langweilt, es sei denn, die Humorlosigkeit des Darstellers ist dabei irgendwie witzig. Klar haben wir Humor! Wir sind sogar sehr humorvoll! Geradezu vorbildlich. Humorlos sind nur die anderen, die das noch nicht verstanden haben.

Worüber aber dürfen wir denn so vorbildlich lachen? Wer beginnt, die üblichen Grenzen der Humortoleranz in Frage zu stellen, verlässt damit auch den üblichen Konsens und beginnt eine Wanderung in vermintem Gelände. Es gibt eben Dinge, über die man nicht lacht. Sich über diese zu mokieren, das gehört sich einfach nicht. Nur ein völlig taktloser Mensch würde darüber Witze machen – über Behinderte, Farbige, um einen Toten Trauernde oder auch: meine persönlichen Schwächen. Falls ich eine respektierte Person bin. Andernfalls darfst du, und man wird dir zujubeln.

Grenzen

Witze zu machen ist eben aggressiv. Jedenfalls dann, wenn man über andere lacht – also das normale Lachen. Worüber da gelacht wird, ist individuell und gesellschaftlich ziemlich festgelegt. Die Grenzen des erlaubten Lachens sind individual- und gesellschaftstypisch, das heißt, sie kennzeichnen ein Individuum ebenso wie eine Kultur. Cliquen, Familien, Firmen, soziale Gebilde aller Art definieren sich über vieles, und eben auch über ihre Humorgrenzen. Sage mir, worüber du lachst, und ich sage dir, wer du bist! Sagt mir, worüber ihr lacht (die soziale Gruppe), und ich sage euch, wer ihr seid. Humor und Charakter hängen eng zusammen, vielleicht sogar so eng, dass die Grenze zwischen den Territorien des Darf und des Darfnicht eine soziale Gestalt – ein Individuum ebenso wie eine Gruppe – ausreichend genau definiert. Wissen wir doch, wie sehr es eine Gruppe zusammenschweißt, gemeinsam über dasselbe zu lachen. Solch ein Lachen kann aus einer zufällig zusammengekommenen Gruppe eine Gemeinschaft machen, wenigstens für die Minuten des Lachens; wenn man es pflegt, auch für länger. Oder man setzt es so ein, wie Künstler, Politiker, Gruppenleiter es gerne tun, und würzt die eigenen Reden gezielt mit Witzen, um eine Gruppe nicht nur geistig, sondern auch emotional zu verbinden.

Lachen über die anderen

Dabei ist es am einfachsten, über »die anderen« zu lachen, die nicht so sind wie wir. Deutsche machen Witze über die Österreicher, die wiederum revanchieren sich mit Witzen über die Piefkes. Im engeren Sinne ist das nicht Humor, sondern Spott. Humor im engeren Sinn ist das Lachen oder Schmunzeln über sich selbst, Spott das Mit-dem-Finger-auf-andere-Zeigen und Sich-Ablachen über Eigenschaften, von denen man glaubt, man habe sie nicht selbst, sondern nur der andere. Also ein »Auslachen«.

Insofern ist die typische »Humor-Seite« in den Zeitungen eigentlich keine, denn dort wird über die anderen gelacht. Dass man selbst auch so sein könnte, schwingt nur am Rande mit: Ja, vielleicht bin ich auch ein bisschen so … aber eigentlich doch nicht, sonst würde ich darüber ja nicht lachen. Bei als Witz gekennzeichneten Erzählungen, die man in Gesellschaft hört, ist es auf jeden Fall angeraten mitzulachen, auch wenn man den Witz nicht verstanden hat. So signalisiert man Zugehörigkeit: So wie diese anderen, über die da gerade gelacht wird, so bin ich nicht; ich bin so wie ihr, die Lachenden. So werden soziale Normen etabliert. Das können auch menschenverachtende Normen sein.

»Hier darf gelacht werden«

Auch in dieser Zeitschrift, die sich etwas auf ihren allumfassenden Humor (und den ihrer Leser) einbildet, habe ich erlebt, dass einige Leser erbost waren, wenn ein satirisch gemeinter Text nicht als solcher gekennzeichnet war. Sie fühlten sich irregeführt: Da weiß man ja nicht mehr, woran man ist! Meint ihr das nun ernst oder nicht? Sie wollten von der Redaktion auch in der Hinsicht geführt werden, dass sie gezeigt bekommen, worüber man lachen darf und worüber nicht. Viel lieber würde ich meine Leser ab und zu aufs Glatteis führen, indem ich etwas bringe, das nicht als Witz gekennzeichnet ist, aber doch einer ist. Tue ich das? Ich werde einen Teufel tun, das hier zu verraten…

So vieles, das mir widerfährt, erlebe ich als komisch, ohne dass mich dabei jemand an der Hand nehmen und sagen würde: Schau mal, wie komisch! Ohne dass ein Redakteur mich durch mein ach so verwirrendes Leben führt und über die eine oder andere Szene aus meinem Alltag die Überschrift »Humor« setzt. Da muss ich schon selbst drauf kommen.

Besonders humorlos finde ich Überschriften wie »Es darf gelacht werden!« Das reizt doch geradezu, nach den anderen Stellen zu fragen, wo nicht gelacht werden darf. Erst dort, in der Tabuzone wird Witz wirklich spannend.

Die Reservate

Andererseits muss ich, machmal ein bisschen knurrend, auch das Bedürfnis anerkennen, vom Spott und Witz verschont zu werden. Das Bedürfnis Reservate zu haben, Schutzgebiete, in denen man nicht ausgelacht wird, weil gerade Schonzeit ist oder irgendetwas so heilig, dass darüber nicht gelacht werden sollte. Der Rebell und Bilderstürmer in mir will das nicht, der Therapeut aber weiß, dass es nötig ist, um Gesellschaften, Institutionen und Individuen aufrechtzuerhalten – es gibt ja welche, die das verdienen! So wie ja auch der viel zu schlecht beleumundete »Personenkult« nötig ist, vor allem bei schüchternen und wenig selbstgewissen Personen, damit das Individuum nicht in seine Einzelteile zerfällt. Lachen kann erschüttern, Spott noch viel mehr, das ganze Leben ist voller solcher egogefährdender Erschütterungen. Man muss den Witz deshalb richtig dosieren und zur rechten Zeit das richtige Maß davon anwenden. Diese Milde gegenüber den Schutzbedürftigen habe ich erst lernen müssen.

Wenn ich dann aber sage, was ich oft getan habe, in dieser Zeitschrift und anderswo, dass Humor ein spiritueller Weg sein kann und als solcher ausreicht bis zur höchsten, menschenmöglichen Befreiung, dann kehre ich zurück zu meinem radikalen Grundsatz: Alles und jeder darf komisch gefunden werden. Vor allem ich selbst. Ein solcher Ansatz anerkennt die konventionellen Humorgrenzen nicht mehr oder duldet sie nur als relative, vorübergehende Schutzzonen, so wie Gewächshäuser eine Pflanze schützen können, wenn das Klima draußen zu hart ist.

Der Rand der Bühne

Auf Reisen habe ich mich nur selten für das übliche Sightseeing interessiert. Viel mehr interessierte mich die Feldforschung an den Sightseern. Wie schaut der Tourist das Kultobjekt der Ägypter oder Azteken an? Was sieht er da? Das ist Kult! Geht er dabei auf die Knie, schweigt oder quasselt er, hat er einen Sonnenhut auf und eine Kamera oder den Baedeker in der Hand? Das hat mich mehr interessiert als das Objekt seiner Betrachtung, denn das ist der Kult von heute. Wo ist der Rahmen um das Kunstobjekt? Müsste nicht auch der Kunstbetrachter mit rein in den Rahmen? Oder er selbst eingerahmt werden? Warum dürfen die Schauspieler auf der Bühne nicht ihren Blick in den Zuschauerraum richten und die sich dort Aufführenden betrachten? Sie dürfen! Wer bestimmt denn überhaupt, was eine Bühne ist und wo sie ihren Rand hat?

Den Humor ernst nehmen

Humor ist etwas, das ich sehr ernst nehme, vielleicht ernster als alles andere. Klar darf man auch über die Praktiken des Humors lachen, über seinen Stil und seine Grenzen, aber zunächst mal muss man ihn ernst nehmen. Gerade wer seine Radikalität und Grenzenlosigkeit ausschöpfen will, muss das tun. Eine Rede über den Sinn und die Heilkraft von Humor muss nicht witzig sein. Wer eine Geschichte erzählt, die mit einer grandiosen Pointe endet, sollte dabei nicht unterwegs ständig giggeln. Der Clown darf nicht lachen, wenn er stolpert, allenfalls danach. Witz und Ernst sind Geschwister, sie brauchen einander und müssen einander respektieren. Nur beim Witzemachen witzig zu sein, in der erlaubten Zone, sonst aber bierernst, das ist der falsche Weg. Besser, man ist beim Witzemachen todernst und betreibt dafür alle die seriösen Tätigkeiten auf eine Art, dass man selbst und andere darüber lachen können.

Der Dualismus des seichten Humors

Der Grundfehler des seichten Humors besteht darin, die Welt einzuteilen in das Witzige, über das man lachen darf, und das Ernste, über das man nicht lachen darf. Tiefer Humor sieht das Komische nicht als einen Objektbereich an, sondern als eine mögliche Grundhaltung zu jedwedem Objekt. Beim seichten Humor bleibt ja die Frage ungelöst, wo die Grenze liegt zwischen dem Lächerlichen und dem Ernsten. Diese Grenze wird vom Gros der Lachenden für fundamental gehalten, für quasi gottgegeben. Sie ist aber konventionell, das heißt gestaltbar. Sie hat eine Historie und eine Zukunft. Sie ist dort, wo wir sie hinlegen. So wie die Karnevalszeit vom Kalender festgelegt wird, sie ist eine Konvention. Die Gestalten unserer Gesellschaft sind ja nicht außerhalb der Karnevalszeit an sich weniger lächerlich, als wenn sie am Rosenmontag auf einem der dekorierten Umzugswagen stehen, deren Aufmachung zu sagen, nein, zu schreien scheint: Jetzt dürft ihr! Sonst nicht.

Politik und Wirtschaft gelten als ernste Bereiche. Auch die Kultur ist überwiegend ernst, aber es gibt da einen Teil dessen, was Kultur genannt und auf Bühnen gezeigt wird, das nennt man »Kabarett« oder »Comedy«, dort darf dann gelacht werden. Über die anderen Sachen nicht. Ich verstehe diese Grenzziehung nicht. Warum soll das eine lächerlicher sein als das andere? Ich finde auch diese selbst ernannten Grenzzieher und Bühnenstrategen komisch (in gewisser Hinsicht auch tragisch), nicht weniger jedenfalls als das, worauf sie mit ihrem Spottfinger zeigen.

Über dem Eingang von Auschwitz steht »Arbeit macht frei«. Ist das witzig? Mich gruselt dabei. Ich würde allerdings, wäre ich hier der Diktator (oder der demokratisch gewählte Regent) nicht diesen morbiden Spott verbieten, sondern das Konzentrationslager. Meistens ist es so, dass je rigider ein Regime, desto mehr werden dort Witze verboten. Man fürchtet dort die subversive Kraft des Witzes, insoweit er gegen das Regime gerichtet ist. Über die Gegner zu spotten hingegen ist voll in Ordnung: Wer unter Goebbels über Juden spottete wurde nicht von der Gestapo abgeholt, sondern konnte in der Nazi-Hierarchie aufsteigen.

Die Verletzung religiöser Gefühle

Ein Rest der Angst vor der subversiven Kraft des Witzes gibt es bei uns noch in der Konvention, die »Verletzung religiöser Gefühle« von Amts wegen verhindern zu müssen. Wer die systemrelevanten Religionen beleidigt, kann dafür bestraft werden. Ein Beispiel dafür ist die witzige Anzeige des Musiksenders MTV für die Serie »popetown«, die 2006 auf Druck der deutschen Bischofskonferenz zurückgezogen wurde. Dort war unter der Überschrift »Lachen statt rumhängen« ein lachender Jesus abgebildet, der, zwar noch mit blutenden Wundmalen, nun aber im Fernsehsessel saß, offenbar war er vom Kreuz herabgestiegen, weil er genug hatte vom Rumhängen und Leiden. Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken sagte dazu: »Die Fernsehserie und die dafür werbende Anzeige sind ein direkter Angriff auf den christlichen Glauben. Was für Millionen von Menschen in Deutschland von fundamentaler Bedeutung für ihr Leben ist, wird in infamer Weise lächerlich gemacht«, und kündigte rechtliche Schritte an.

Systemrelevanz

Witze über zentrale Glaubensinhalte der systemrelevanten Religionen werden »vom System« verboten, so ähnlich wie insolvente Banken oder Autofirmen »vom System« gerettet werden, wenn sie »systemrelevant« sind. Über die kleinen Religionen, »Sekten« genannt, darf gespottet werden, über die großen Religionen nicht. Kleine Banken dürfen pleite gehen, große nicht. Den Mittelstand, den eigentlichen Motor der Wirtschaft, lässt man wirtschaftlich ausbluten, die Einzelfälle dort sind nicht systemrelevant, sie werden also nicht vom Staat gerettet. Gerettet werden nur die Säulen des Systems, und das sind die großen Banken, die großen Religionen, die Autoindustrie, der militärisch-industrielle Komplex, der ernährungsindustrielle Komplex und die Pharmaindustrie. Das alles wird bei Gefährdung mit Steuergeldern aufgefangen. Die Kleinen hingegen dürfen ins Gras beißen, das ist dann halt das Gesetz des Marktes. Und, zurück zum Thema Humorgrenzen: Die Kleinen dürfen verspottet werden, die Großen nicht, denn wenn nur ein paar hunderttausend religiöse Gefühle verletzt werden, ist das nicht systemrelevant, bei Millionen schon.

Spannungsabbau

Von Buddhisten wird gesagt, dass sie eher lächeln als Lachen. Auch in manch anderen feinen Gesellschaften gilt lautes Lachen als grob, da schmunzelt man eher. Wie sähe denn eine laut loswiehernde, schenkelklopfende Queen aus? Nein, das geht nicht; in diesen Kreisen amüsiert man sich, und wenn man etwas tadeln will, ist man »not amused«.

Der Ursprung für solchen Snobismus mag hier liegen: Lachen ist Spannungsabbau. Wer laut lacht, hat viel Spannung abzubauen. Haben Buddhisten große Spannungen abzubauen? Nein, sie haben doch schon so viel meditiert, da gibt es kaum mehr Spannungen, da lächelt man nur noch über die Komödie des Weltlichen. Ebenso die Snobs, die sich darstellen wollen als über den Dingen schwebend. Tragik kennen sie nicht mehr, sie sind nur noch amüsiert.

Auch der Orgasmus ist ja ein Spannungsabbau, und das Lachen mit seinen zuckenden Bewegungen und dem Lustgefühl eine Art Atemorgasmus. Feine Leute schreien beim Orgasmus nicht, Queen Elisabeth etwa … fällt mir grad schwer, mir das vorzustellen, wie das wohl bei ihr ist. Bei Princess Diana – schon eher. Wer hätte nicht gerne mit ihr … und mit dem Handy eine Tonaufnahme davon gemacht, die hätte man dann an die Webreaktion der Londoner Boulevardzeitung »The Sun« verkaufen können.

Und die Tantriker mit ihrem Plateauorgasmus? Die müssten doch eigentlich ständig drauf sein, immer in Glückseligkeit schwimmend, ohne Gipfel, immer nur auf demselben hohen Niveau? Für einen Erleuchteten ist lautes Lachen genau besehen zu grob, und auch der Orgasmus ist dann nicht mehr, was er einmal war. Vielleicht ein Grund mehr, auf Erleuchtung doch lieber zu verzichten.

Übertreibung 

Als ich diesen Sommer mir sechs Sketche ausdachte, um damit im »Esoterik-Kabarett« auf unserem Herbstfest aufzutreten (für unser Silvesterfest plane ich ein Update), hatte ich im Grunde nur eines im Kopf: Übertreibe! Finde sechs typische Figuren (ich fand: den Motivationstrainer, den indischen Heiligen, das Channelmedium, den Tantriker, den Deeksha-Geber, den Satsanglehrer), und ich übertrieb ihre Eigenschaften. Die muss man, als Parodist, zunächst einmal feststellen: Was kennzeichnet diese Typen? In den 24 Jahren Redakteursleben eines scheinbar »esoterischen« Magazins habe ich hierzu ausreichend Input bekommen. Also blieb nur noch das zu tun: Es galt das, was ein Channelmedium sagen wir mal von einer normalen Hausfrau unterscheidet, krass zu übertreiben, und schon hatte ich den Sketch. Der indische Heilige war nun ganz besonders heilig (und darin allen anderen überlegen), der Tantriker im permanenten Orgasmus, und der Satsanglehrer befand pauschal: »Es ist wie es ist«, oder: »Aus dem Verstand heraus kannst du das nicht sehen«. Auch dort, wo ich »zu nah am Original« war, wie mir einige Zuschauer erklärten, war es lustig, einfach deshalb, weil der Rahmen sagte: Ich bin eine Witzfigur, jetzt dürft ihr lachen! (Wobei ich doch auch sonst eine Witzfigur bin – aber das reibe ich natürlich meinen Kunden und Lieferanten, meinem Schornsteinfeger und Steuerprüfer nicht ständig unter die Nase).

Transzendenz

Erkenntnistheoretisch gesehen ist die Übertreibung ein Vergrößerungsglas, eine Lupe. Was man sonst nicht so leicht erkennt, die feinen Stereotypen, den Jargon, die Macken, die sich einspielen bei den Typen des Heiligen, des Mediums, des Lehrers und so weiter, die werden durch die Übertreibung, die ja eine Vergrößerung (des Abstands zum Normalen) ist, besser sichtbar. Und können so erkannt werden. Im Gelächter werden sie erkannt.

Das kann dem Satsang und dem Deeksha (der Energieübertragung), dem Channeling und Tantra nur nützen. Stereotypen zu erkennen ist nützlich. Parodien machen sich nur über die Formen her, nicht über die Inhalte. Sie nehmen die Form und gießen einen anderen Inhalt rein, der dazu nicht passt, so erzielen sie ein Lachen. Wer an keiner Form hängt, hat auch keine Parodien zu fürchten. Transzendenz heißt: über die Form hinausgehen. Parodie ist demnach das beste Mittel, eine spirituelle Methode dem Transzendenztest zu unterwerfen. Wer das Lachen über sie nicht duldet, hängt an was: an der Form, die der Parodist auf die Schippe nimmt.

Die so Parodierten können nun die Form ändern, um »authentischer« zu werden (falls sie Anhänger des Authentizitätskultes sind): zum Beispiel mal ein Satsang ohne Ramana-Portrait und in grüner statt in weißer Robe. Oder sie nehmen die Parodie gelassen hin, so wie ein Politiker, der parodiert wird, nun weiß, dass er endlich angekommen ist bei den oberen Zehntausend. Er ist nun nicht mehr irgendwer, sondern einer, dem die Cartoonisten und Kabarettisten ihre Aufmerksamkeit schenken.

Komisch oder tragisch?

Bei alledem stellt sich mir immer wieder die Grundfrage: Ist das Leben nun »eigentlich« komisch, oder ist es tragisch? Das fragten sich schon die alten Griechen und erfanden zu diesen beiden Grundhaltungen dem Leben gegenüber die Tragödie und die Komödie, die bis heute als die beiden Grundformen der erzählerischen Kunst gelten.

Da das Leben mit dem Tod des Helden endet, ist es eine Tragödie. Die »Heldenhaftigkeit« des Einzelnen wurde früher nur Adligen zugestanden, deshalb traten in den klassischen Tragödien Europas als Hauptfiguren nur Fürsten auf, das galt bis in 17./18. Jahrhundert. Figuren aus niederen Ständen hatten nicht genug Persönlichkeit (!), das thematisieren wir im Schwerpunkt unseres Dezemberheftes, um eines dramatischen Todes würdig zu sein. Der deutsche Dramatiker Martin Opitz (1597-1639) meinte sogar, die Komödie handele von »schlechten (schlichten) Wesen und Personen […] und solchen Sachen, die täglich unter gemeinen Leuten vorlaufen«, während die Tragödie »Kaiser und Potentaten« vorbehalten sei.

Müssen wir uns also in die Niederungen der gemeinen Stände begeben, um lächerlich zu sein? Ich finde auch die Potentaten lächerlich, die erst recht. Immerhin gibt es da eine gewisse Fallhöhe, eine gute Voraussetzung für Komik. Bei Licht betrachtet sind eigentlich alle Menschen zum Lachen, wenn man nur die richtige Perspektive dabei einnimmt. Dass ein Mensch sich für eine intakte »Person« hält, ist, genau besehen, bereits lächerlich, wo doch alle Personen Konstrukte sind, die von so vielem abhängen und so leicht auseinanderfallen oder in denen ihre Schattenseiten die Oberhand gewinnen können.

Menschen, die sich für komisch halten, die Witzbolde, Kabarettisten oder Stand-Up-Komödianten der Fernseh-Shows zum Beispiel, stimmen mich oft traurig, weil ich da oft eher diejenigen komisch finde, die über sie lachen (die TV-Kamera richtet sich gnadenlos ja auch auf sie). Überhaupt dieses Wort »komisch«! Wenn einer sagt, »das kam mir aber komisch vor«, meint er doch eher: seltsam, falsch, unpassend oder gar betrügerisch. Wenn ich am Hauptbahnhof einen fliegenden Händler mit einem 500 €-Schein bezahlen will, und der sagt, er könne das leider nicht wechseln, er müsse da mal eben um die Ecke, in zwei Minuten sei er zurück, dann kommt mir das hoffentlich gerade noch rechtzeitig »komisch« vor.

Der Nullpunkt

Komik lebt von der Fähigkeit zum Rollenwechsel, so wie etwa auch das Improvisationstheater sie fordert. In eine fremde Rolle auf Zuruf reingehen zu können, ist eine große Kunst. Noch größer ist die Kunst aus einer eigenen Rolle, die das eigene Leben und die eigene Identität prägt, auf Zuruf rausgehen zu können. In beiden Fällen geht man beim Wechsel »durch die Null«. In den Sekundenbruchteilen des Wechsels ist man niemand. Wenn die Klamotten schon die ganze Identität ausmachen würden, dann wäre die Nacktheit dazwischen beim Umziehen zwischen zwei Rollen dieser Nullpunkt, das Niemandsein. Das ist auch der Punkt, den wir in der Meditation berühren, wenn wir hinter allen Masken und Rollen des täglichen Lebens zurücksinken in die Essenz, das reine, unverstellte Sein.

Das kann man als Theaterspieler kultivieren oder auch im Humortraining des täglichen Lebens, das so viele Rollenwechsel von uns verlangt, und auch in der täglichen stillen Meditation. Niemand mehr sein müssen, nichts mehr darstellen müssen, das ist sehr erholsam. Nackt sein dürfen, so nackt, wie wir auf die Welt kamen, und wie wir auch wieder abgehen von der Bühne, wenn unsere Zeit abgelaufen ist. Wenn die Riten unserer Kultur nicht das Bekleiden der Leiche verlangen würden, bevor sie in den Sarg gelegt wird.

Bücher:

Wolf Schneider, »Auf der Suche nach dem Wesentlichen«, mit einem Kapitel über »Humor als spiritueller Weg« (Königsfurt 2003)

Wolf Schneider, »Zauberkraft der Sprache« (Koha 2006)

Erwin Zbiral, »Der große Irrtum«, Connection Verlag 2007, mit 12 komischen Geschichten aus der und über die spirituelle Szene.

Wolf Schneider, Jg. 1952, Studium der Naturwissenschaften und der Philosophie (1971-75). Hrsg. der Zeitschrift connection seit 1985. 2005 Gründung der »Schule der Kommunikation«. Seit 2007 mit »Zauberkraft der Sprache« und dem »Esoterik-Kabarett« auch auf der Theaterbühne. Kontakt: schneider@connection.de, Blog: www.schreibkunst.com