Das Eine und die vielen Teile davon

Sind wir jetzt zusammen? Oder doch noch immer auseinander?

Liebe ist ganz einfach: Sie will die Vereinigung. Die von dir und mir und, etwas weiter gefasst, von allem. Vereinigung ist nicht nur lustvoll, sondern auch gut, sagt die Liebe. Trennung tut weh. Liebe will immer Vereinigung, der Verstand aber, oje, will »sich auseinandersetzen« und alles auseinandernehmen, analysieren. Tiefe Liebe kann aber auch das Trennende gutheißen. Weise ist, wer weiß, wo Trennung richtig ist und wo Vereinigung

Von ihrer sozialen Funktion mal abgesehen, könnten wir uns die Religionen völlig sparen, wenn wir nur die Liebe hätten

Die Liebe ist vermutlich aus der Brutpflege entstanden, lange bevor wir zu Menschen wurden, und im engsten Sinne ist sie das, was zur Fortpflanzung führt: Sex

»Immer ist der wichtigste Mensch der, dem du gerade gegenüber stehst. Immer ist die wichtigste Tat die Liebe«

Meister Eckart

Von Wolf Schneider

Die uralte Frage nach der Liebe, im Mai-Heft von connection ist sie immer das zentrale Thema – und eigentlich auch sonst. Nur: Was genau ist damit gemeint? Die Verliebten schweigen verzückt oder singen das Lied der Liebe in süßen Tönen, oder sie sprechen in klaren, weisen, bekennenden Worten davon. Aber nicht nur sie. Auch die Psychologen und Philosophen sprechen davon, neuerdings auch die Biologen, insbesondere die Evolutionsbiologen und längst auch die Prediger der Religionen.

Dabei sind Missverständnisse eher die Regel als die Ausnahme: »Sage mir drei Worte, die dich für immer an mich binden«, flüstert der vom Blitz der Liebe Getroffene seinem Schatz ins Ohr, und sie antwortet: »Ich bin schwanger.« Denn so ist es: Die Liebe ist süß, sie reicht weit über alle Grenzen hinaus bis an den Rand des Universums, aber sie hat ihre Wurzeln in der Biologie.

Zusammen sein

»Sind wir jetzt zusammen?« fragt sie. Wenn er darauf »Ja« sagt, beginnt damit eine Beziehung. Wenn einer der beiden die Beziehung kündigt, sind die beiden wieder »auseinander«. Spirituelle Weisheit glaubt nun zu wissen, dass die beiden schon immer zusammen waren, denn es ist doch »alles eins«. Nur das Ego trennt. Es sagt: »Ich bin separat, unabhängig; ich tue, was ich will.« Die Weisheit aber sagt: »Alles hängt mit allem zusammen. Du kannst dich vom Ganzen nicht absondern. Wenn du glaubst, getrennt zu sein, wirst du leiden.«

So kann man das konventionelle, diesseitige Denken reduzieren auf den Glauben, getrennt zu sein und in einer Welt von Partikeln zu leben, von Dingen und Lebewesen, die miteinander interagieren aber doch, jeder für sich, einzelne sind. Und das religiöse oder spirituelle Denken (und Fühlen) kann man auf den Glauben reduzieren, dass alles eins ist und irgendwie zusammengehört. Und was uns zusammenführt, ist die Liebe.

Ist Liebe etwas Gutes?

Neuerdings reklamieren auch die Religionen und religiösen Wege, die sich früher mehr mit Gott, dem Jenseits und dem rechten Tun, der Ethik beschäftigt haben, in hohem, ja höchstem Maße die Liebe für sich. Nicht nur das Christentum stellt sich, seiner konfliktreichen, gewalttätigen Geschichte zum Trotz, als Religion der Liebe dar, auch die anderen Religionen und religiösen Wege tun das mehr und mehr. So etwa der indische Guru Sathya Sai Baba, der wegen sexuellen Missbrauchs, Zaubertricks (seine »Materialisationen« begehrter Gegenstände kamen aus seinen weiten Ärmeln) und seiner Verfilzung mit der indischen Politik sehr umstritten ist (s. hierzu unseren Bericht in connection 11/2008), der sagt: »Für die spirituelle Reise gibt es nur eine königliche Straße: die Liebe«, oder »Um Gott zu erreichen sind keine spirituellen Übungen nötig. Liebe ist genug«, oder »Es gibt nur eine Religion, die Religion der Liebe«.

Haben die Christen ihre Kreuzzüge etwa auch aus Liebe zu ihrem Heiland und dem Heiligen Land geführt? Hat Hitler seine Kriege aus Patriotismus geführt, also aus Liebe zum Vaterland und, um noch eins drauf zu setzen: den Holocaust aus Liebe zur Reinheit der vermeintlich besseren Rasse? Und wenn die Fastfood-Kette Mc Donalds, die für das Übergewicht und die Mangelernährung so vieler Menschen mitverantwortlich ist, sich den Satz »Ich liebe es« zum Motto und Werbespruch wählt, was für eine Liebe ist damit gemeint?

Das jedenfalls kann man schon mal festhalten: Nicht alle, die Liebe predigen, meinen damit etwas Gutes, und noch weniger kann man davon ausgehen, dass sie, nur weil sie in den höchsten Tönen von der Liebe sprechen, deshalb durchweg oder auch nur überwiegend Gutes tun. Das Plädoyer für die Vereinigung (von uns beiden oder dem Großdeutschen Reich) ist eines; die damit zusammenhängenden ethischen Fragen sind nochmal ein ganz anderer Schuh.

Was genau ist Liebe?

Trotz all der Verführer, die die Liebe in den Mund nehmen und der Prediger, die sie nur heucheln, es stimmt: Liebe ist die Essenz des Religiösen. Von ihrer sozialen Funktion mal abgesehen, die der heutige Sozialstaat doch meist besser löst, könnten wir uns die Religionen völlig sparen, wenn wir nur die Liebe hätten. Religiosität ist Liebe, oder sie ist besser nicht. Aber was genau ist Liebe?

Gut zu wissen, dass es im Spirituellen und Religiösen vor allem um die Liebe geht und um eigentlich, letztlich nichts anderes; aber das erspart uns die Unterscheidung nicht, was wirklich Liebe ist und was nur eine schön klingende Predigt. Die oben genannten Fälle des Missbrauchs dieses Begriffs zeigen in krasser Weise den Bedarf an einem solchen Unterscheidungsvermögen. Wenn es Liebe ist, was Jesus motivierte, als er die Händler aus dem Tempel warf, ist dann nicht auch der islamische Jihad Liebe? Welcher Zorn genau ist Liebe und welcher nicht? Oder wenn Rumi, dieser großartige Dichter der mystischen Liebe sagt: »Jenseits von gut und böse, da treffen wir uns«, darf dann diese Liebe alles? Ist sie das höchste Gesetz? Darf sie lügen, missbrauchen, töten?

Liebe und Schmerz

»Wenn es verletzt, ist es keine Liebe«, sagt ein berühmtes Buch von Chuck Spezzano. Das ist ein gutes Motto für in Co-Abhängigkeiten Gefangene. Es tröstet die in Liebesbeziehungen Verletzten und kann ihnen helfen aus einer Situation auszusteigen, die chronisch weh tut. Aber es ist nicht wahr, dass Liebe nie verletzt und nie weh tut. Nicht nur die Entfernung eines Splitters aus der Haut oder eines entzündeten Blinddarms aus dem Bauch tut weh und geschieht doch (meist) aus Liebe, auch die Konfrontation mit der Wahrheit kann weh tun. Wer Schmerzen scheut, kann in keiner Liebesbeziehung tief gehen, denn Liebe berührt alles, vor allem auch das in den Tiefen unserer Seele Versteckte. Auf einen Mangel an Selbstliebe hingewiesen zu werden, auf eine verpasste Chance oder gar ein verpfuschtes Leben, alles das kann weh tun. Die Wahrheit zu hören kann besonders dann weh tun, wenn dem eine lange Zeit dumpfen Verweilens in einer Lebenslüge vorausging.

Was uns fehlt

Dreizehn Jahre lang war ich Teil der (Neo-)Sannyas-Bewegung. Dort wurde und wird die Liebe sehr hoch gehalten, weil Osho, der indische Meister und Mystiker, der diese Bewegung begründet hat, sagte: Wenn du die Liebe hast, brauchst du sonst nichts mehr. Sannyasins unterschreiben ihre Briefe gerne mit »Love«, und sogar sich mit »Love« anzureden war dort lange Zeit gebräuchlich und ist es zum Teil noch. So ähnlich wie man einen Brief, in dem es nicht nur um Förmliches geht, gerne unterschreibt »mit herzlichem Gruß« und damit sagen will: »Ich nehme dich in mein (liebendes) Herz auf«.

Im jüdischen und islamischen Kulturraum grüßt man sich seit je mit »Schalom« oder »Salām (aleikum)«, also mit dem Wunsch nach Frieden. Vielleicht weil der Zwist, Kampf oder Krieg dort das Gefürchtetere war (und ist)? Während wir uns heute in einer so herzlosen, verstandesorientierten Zeit befinden, dass unsere Briefe eher mit einem »herzlich«, oder sogar mit dem gesteigerten »herzlichst« abschließen, als mit einem »Friede sei mit dir«?

Der Bhakti-Weg

Dass man sowohl mit dem Verstand als auch mit einem liebenden Herzen das Göttliche erkennen kann, war schon den alten Indern bekannt. Sie haben die religiösen Wege systematisch beschrieben als den Jnana-Weg des Wissens und der Weisheit, den Karma-Weg, der durch gute Taten vorangeht, und den Bhakti-Weg der Liebe und Hingabe. So könnten die Jnana-Jünger vielleicht sagen, wenn sie von ihrem Sanskrit auf Descartes‘ Latein würden umsteigen wollen: cogito, ergo sum (Ich denke, also bin ich) die Karma-Schüler fio ergo sum (Ich tue, also bin ich) und die Bhakti-Jünger amo ergo sum (Ich liebe, also bin ich)? Haben wir hier wieder die Dreiteilung in homo sapiens, homo faber und homo amans? Dann müssten wir dem vielleicht auch noch den homo ludens hinzufügen, den Spielenden, und wissen, dass sich die drei untereinander vermischen (Ach ja, die Liebe ist doch die Größte unter ihnen!), denn nicht nur homo sapiens ist (manchmal) weise, und auch die Liebenden tun (fio).

Übrigens nennt man die indischen »Wege« (Sanskrit: marga, jap. do) auch »Yoga«. Dann heißen die drei Wege: Jnana-Yoga, Karma-Yoga, Bhaki-Yoga. »Yoga« jedoch heißt: Vereinigung! Was wieder beweist, dass die Liebe das Höchste ist.

Die Einseitigkeit des Vereinens

Sich auf die Seite des Herzens zu schlagen statt die des Kopfes, des Vereinens statt des Trennenden, auch das kann jedoch einseitig sein. Es sei denn, man bezieht dabei auch das Trennende ein, das heißt, man vereint sich auch mit der Fähigkeit trennen zu können. Sich von etwas Unheilsamem trennen zu können, wird ja seit je auf den religiösen Wegen gepriesen, vor allem auf den asketischen, klösterlichen und eremitischen Wegen. Sie verzichten – they renounce. In Sanskrit, der heiligen Sprache der Inder heißt Verzicht sannyas und hat so zum Begriff der Sannyasins geführt, der Verzichtenden (die allerdings, im Falle der Osho-Sannyasins lieber auf das Getrenntsein und die Askese verzichten).

Romantik

In meiner Zeit also Osho-Sannyasin empfand ich mich immer mal wieder als denk- und lesesüchtig und habe mir damals ein paar Jahre lang Leseverzicht auferlegt. Straßenschilder und Einkaufszettel, das ging schon, aber ich wollte weg von dem täglichen Lesekonsum z.B. an Nachrichten, und auch auf das Schreiben verzichtete ich, weil ich mich auch darin als ein bisschen süchtig empfand (aufschreiben, was geschieht – ohne das war ein Tag kein guter Tag). Ausnahme: Liebesbriefe! Die Liebe, das darf immer sein, bei allem Verzicht, immer. Dabei fällt mir auch die Germanistik-Studentin wieder ein, die damals in München in demselben Haus wohnte wie ich. Wir mochten uns, trafen uns oft, waren aber kein Liebespaar. Sie studierte gerade die deutsche Romantik, in der unsere Sprache ihre vielleicht höchste Blüte erlebte, sagen die Historiker, und sie sagte, sie habe noch nie einen Menschen getroffen, der dem Idealbild des deutschen Romantikers so nahe käme wie ich. Dabei war ich doch von der indischen Philosophie ergriffen, in der Variante, wie Osho sie lehrte, und nicht von Novalis oder Eichendorff.

Back to the roots

Philosophien der Liebe sind schon viele verkündet worden, von der Antike bis heute, in Europa und auch in den anderen Hochkulturen, besonders der indischen, vielleicht auch bei den Naturvölkern. Eines sollte dabei nie vergessen werden, meine ich: Auch wenn wir das Menschsein ausprobieren und nach Göttlichem streben, wir sind doch immer auch Tiere. Die Liebe ist vermutlich aus der Brutpflege entstanden, in einer Zeit lange vor der Menschwerdung, und im engsten Sinne (to make love – Liebe machen) ist sie das, was zur Fortpflanzung führt: Sex. Ohne Sex keine Fortpflanzung, so war es Jahrtausende lang, und auch heute noch hat die Liebe ihre Wurzeln in diesen beiden Bereichen des menschlich-tierischen Sozialverhaltens: der Eltern-Kind-Beziehung und der sexuellen Beziehung zwischen zwei Erwachsenen.

Und auch das sollte nicht vergessen werden: Der biologische Sinn und Zweck von Sex ist, Vielfalt zu erzeugen. Die Vielfalt sichert das Überleben der Art, weil bei ökologischen Katastrophen so die Chancen größer sind, dass irgendwer überlebt. Kurios: Was die Vereinigung sucht – das eine aus uns zweien – erzeugt das (möglichst) Verschiedene! Parthogenese, die Erzeugung von Nachwuchs ohne einen Sexpartner, hat biologisch gesehen den großen Nachteil, kaum Vielfalt erzeugen zu können. (Übrigens auch im Kulturellen und in der Landwirtschaft ist das so: Klonen und Inzucht erzeugen öde Monokulturen, die mit hohem Aufwand Parasiten bekämpfen und katastrophenanfällig sind.)

Die Prüfungen des Alltags

Oft heißt es, die spirituelle, religiöse, universale Liebe, die sei ja leicht. Aber mit einem Partner oder Kind den Alltag zu bestehen, das sei die eigentliche Prüfung unserer Liebesfähigkeit. Den Abwasch erledigen, den der Partner hat stehen lassen, die schmutzigen Schuhe, mit denen das Kind von draußen reinkommt, und dann will es auch noch die Hausaufgaben nicht machen oder nur Süßigkeiten essen…. Für ein Patenkind in Afrika oder die Welthungerhilfe zu spenden ist doch viel leichter.

Stimmt. Das Spenden für eine Hilfsorganisation, so löblich das auch ist, ist jedoch noch nicht die Klimax der universalen (oder transpersonalen) Liebe. Die zeigt sich nämlich im Alltag nicht weniger als in der politischen Haltung, im täglichen ökologischen Fußabdruck nicht weniger als im Spendeverhalten. Universal oder transpersonal ist eine Liebe dann, wenn sie nicht nur liebt, mit wem sie verwandt ist, verheiratet oder »zusammen«, sondern wenn sie über das Ego hinausgeht. Wenn sie vom Haben zum Sein übergeht, wie Erich Fromm das ausdrücken würde. Oder in Meister Eckarts Worten: »Immer ist der wichtigste Mensch der, dem du gerade gegenüber stehst. Immer ist die wichtigste Tat die Liebe.«

In Beziehung sein

Christina Kessler hat das Motto »amo ergo sum« geprägt, das für diese Ausgabe unser Titelthema wurde. Das »amo« ist klar: Ich liebe. Das wollen wir ja, das sollen wir vielleicht auch, das ist die Essenz des guten, zeitgemäßen Menschseins. Und das »ergo sum« heißt: Also bin ich! Erst wenn ich liebe, bin ich. Christina Kessler bezeichnet damit also die Identität von uns Liebenden, das, womit wir uns identifizieren. Genau das ist ja die Freiheit, die wir in dem Maße haben, wie wir uns ihrer bewusst sind: Wir können wählen, womit wir uns identifizieren! Wenn wir uns als Liebende verstehen, das heißt, uns mit der Liebe identifizieren – wenn wir also sagen »Ich bin Liebe« – dann haben wir damit die beste aller Identifikationen gewählt. Wir sind dann nicht mehr nur und jedenfalls nicht in erster Linie mit unserem Besitz, Fußballverein oder Vaterland identifiziert (oder was auch immer sonst uns gerade ergreift und »besitzt«) sondern mit der Liebe und sagen damit: Ich bin nicht allein, ich bin in Beziehung. Liebender sein heißt, in Beziehung zu sein – in seiner höchsten Form: in Beziehung zu allem.

Aus dem Bewusstsein der Verbundenheit heraus und der Fähigkeit, uns zu verbinden, können wir dann auf allen Ebenen und in allen Bereichen Liebe praktizieren: persönlich wie transpersonal; sexuell (eros) ebenso wie sozial (caritas) und spirituell (agape); und auch als politisch und künstlerisch Tätige.