Dunkelheit, Innerlichkeit und das Gepöbel der Politik

Weil das Sehen uns ablenkt von uns selbst, enthalten die meisten Anleitungen zur Meditation die Empfehlung, dabei die Augen zu schließen. Im Dunkeln spüren wir uns besser, deshalb kann die dunkle Jahreszeit es erleichtern, in sich selbst einzusinken, zu sich zu kommen, ins Innere, zur Meditation.

Aber nicht nur das Sehen, auch das Hören, Fühlen, Riechen, Schmecken können ablenken und noch viel mehr das Sprechen und Denken. Ablenken wovon? Was ist denn dann da, wenn ich nicht abgelenkt, wenn ich ganz bei mir bin?

Jedenfalls sind dann keine Worte da, keine festen Gefühle oder Eindrücke, sondern alles das rauscht einfach nur durch. Wie Autos über eine Straße, die sie unbeschädigt hinterlassen oder wie Wolken, die über den Himmel ziehen. Sie können den Himmel zwar komplett verdecken; sie können ihm aber nichts antun, auch hinter der dicksten Wolkendecke ist immer noch der Himmel da, unberührt, unvermindert.

Weglassen

Das Schwierige am Beschreiben und Erklären von Meditation ist, dass Worte den Empfänger immer in Verstehtrancen versetzen. Unverständliches Gebrabbel (von den Sufis Gibberish genannt) tut das nicht, aber alle verständlichen Worte tun es. Sie faszinieren und schränken insofern die Wahrnehmung ein, sie versetzen in einen Wahrnehmungstunnel, den wir »Verständnis« nennen. Das ist keine Meditation, auch wenn das ihn auslösende Wort »Meditation« heißt.

Wenn ein Wort, egal welches, uns in eine Verstehtrance versetzt (das ist ja der Zweck und das Ziel von Kommunikation), dann sind wir nicht in Meditation, denn Meditation ist uneingeschränkte Wahrnehmung. Sie ist vor- oder nachbegriffliche, jedenfalls außerbegriffliche Wahrnehmung. Sie ist immer da, auch wenn wir sie nicht bemerken. Sie wird von Worten und Gedanken verdeckt, ebenso auch von der verführerischen Kraft sinnlicher Eindrücke, aber sie verschwindet dabei nicht, so wie auch die Sonne nicht weg ist, wenn Wolken sie verdecken.

Meditation erreicht man nicht durch Streben, sondern durch ein passives Weglassen. Sowas wie »Oh, auch das noch muss ich weglassen« ist aktiv, also ein Streben. Echtes Weglassen ist ein Aufhören des Festhaltens. Dabei verschwinden die Worte und Eindrücke einfach, so wie sie gekommen sind. So wie der Ton einer Klangschale im Nichts verendet, oder so wie Gefühle – egal welche einzelnen Gefühle gerade da sein mögen –, durch achtsames Hineinspüren zu einem Fühlen werden, das dabei seine Grenzen verliert und nur noch Energie ist, Atem, Lebendigkeit.

Dunkelheit

Ich mag die hellen Monate lieber. Frühling und Sommer ziehe ich dem Herbst und Winter vor, aber wenn im November und Dezember mit den kürzer werdenden Tagen die Dunkelheit sich unvermeidlich über alles legt, beginne ich dort einzusinken. Wo immer ich kann, vermeide ich Kunstlicht. Morgens stehe ich im Dunkeln auf, ertaste mir den Weg zu Klo und Dusche und fühle mich in dieser Dunkelheit geborgen wie im Mutterleib. Das Tageslicht wirkt auf mich dann wie ein Eindringling, der mich nun wieder zum Sehen verleiten will und in die Außenwelt entführt. Dabei nehme ich, so gut ich kann, das Gefühl der Geborgenheit in mir selbst mit als einen süßen kleinen Nebeneffekt der Winterkälte und Dunkelheit. Wenn ich dann in der Meditation die Augen schließe, ist es wieder da.

Bei sich sein

Kann man leidenschaftlich sein und ganz bei sich? Das finde ich schwierig, aber nicht unmöglich. Der tantrische Weg, eine Spätentwicklung im Buddhismus und in der eher weltabgewandten Spiritualität des Hinduismus eine kleine, rebellische Minderheitsbewegung, versucht genau das. Ich meine, dass wir heute genau das brauchen: Meditation auf dem Marktplatz, Weisheit mitten im Alltag, in unseren Beziehungen und auch in der Wirtschaft und Politik. Philosophen, kommt raus aus euren Elfenbeintürmen und Machthaber, fangt an zu meditieren! Auch wenn es nicht leicht ist, als leidenschaftlich engagierter Mensch »bei sich« zu sein. Denn wenn diese Quadratur des Kreises nicht gelingt, wird unsere menschliche Zivilisation in einer der nächsten Ökokatastrophen oder einem ruinösen Krieg untergehen.

Der Trump-Schock

Die Wahl von Trump zum Präsidenten der USA ist für viele Menschen ein Schock, ebenso wie schon der Trend zum Rechtspopulismus, der ja auch bei uns in Europa Fuß gefasst hat und immer mehr die Politik bestimmt. Dieser Rechtsruck im globalen Dorf spaltet und trennt, wo Einheit und Einigung nötig wären. Dabei verstehe ich den Frust dieser Anti-Establishment-Bewegung nur zu gut. Die alten Eliten haben nach den diversen Krisen – 9/11, Afghanistan- und Irakkrieg, der Finanzcrash von 2008, der Klimaschock, die Flüchtlingsströme – mehr oder weniger business as usual betrieben. Sie treffen sich in Davos und auf den G-7, G-8 und G-20 Meetings, um das Ancien régime zu retten, sie verstehen die Zeichen der Zeit nicht. Kann der Trump-Schock sie aufwecken? Auch wenn die Protestwähler sich ein solches Aufwachen wünschen, ich fürchte, dass mit dem Rechtsruck alles nur noch schlimmer wird. Wer Angst verbreitet, wird Misstrauen ernten. Wer Hass sät, wird Kriege ernten.

Rhythmen

Ein Blick in die Rhythmen der Natur, Tag und Nacht, Sommer und Winter lehrt uns, dass nach der Dunkelheit das Licht wiederkommt. Die Raunächte ‚zwischen den Jahren‘ bieten sich als Retreat an. Auch in der Politik kann das Pendel von links nach rechts, von Globalismus zu Lokalismus, von Liebe zu Hass und wieder zurück schwingen. Weisheit sucht zwischen den Extremen die Mitte, Meditation ruht im Zentrum des Zyklons. Solches Ruhen und Bei-sich-Sein erspart dem Meditierer aber keine weltlichen Entscheidungen. In der Politik ebenso wie im privaten Alltag wählen wir: was wir essen, mit wem wir leben und womit wir unser Geld verdienen. Auch bei diesen Entscheidungen zeigt sich, ob Liebe und Bewusstsein unser Leben durchdringt, nicht nur im heiligen Raum der stillen Meditation.

Hier komme ich!

Dass mit Trump ein die Minderheiten verachtender, ‚post-faktischer‘ Rüpel gewählt wurde, ist vielleicht auch ein Zeichen dafür, dass unsere Kultur der Subjektivität nicht genug Raum und Anerkennung gibt. In der auf Wissenschaft in Form von Science basierenden Kultur verehren wir das so schwer zu erringende Objektive. Wenn dann einer alles Faktische, Diplomatische, Moralische verachtend und das Mitgefühl ignorierend auf die Bühne tritt und einfach sagt: »Hier komme ich« (bzw. wir, meine In-Group), »alles andere ist mir erstmal scheißegal«, dann schockiert das die auf Objektivität Gepolten. Tief in uns wollen aber auch wir mal die Sau rauslassen und zugeben, dass wir uns selbst am nächsten sind. Das als Egoismus zu diffamieren führt zu Heuchelei und dem Diktat des politisch Korrekten, und dann fliegen Typen wie Trump, Le Pen, Wilders, Orban, Farage und Erdogan die Herzen der Gedemütigten zu.

Licht ins Dunkel dieses Ich zu bringen, das da gerade so laut krachend auf den Tisch haut und wahrgenommen werden will, das ist die Chance für Aufklärung. Für eine politische Bewegung, die Meditation einbezieht, Liebe in die Welt bringt, die Spaltungen überwindet und auch diejenigen einbezieht, die im Trennenden ihr Heil suchen.